Wir blicken zurück in das Jahr 1921.
Die Geschichte handelt von einem Mädchen, das in einer Welt voller Licht und Farbe gelebt hat. Doch durch ein unerwartetes Unglück, eine falsch behandelte Krankheit, verlor das Mädchen ihr Augenlicht. Sie besuchte viele Ärzte, hoffte auf eine mögliche Behandlung, aber Wochen und Monate voller Arztterminen
vergingen, und keiner konnte dem armen Mädchen helfen. Mit jedem weiteren Arztbesuch wuchs ihre Hoffnungslosigkeit, und bald wurde die Ungewissheit zu einem ständigen Begleiter. Sie hatte schwer damit zu kämpfen, ihre neue Realität hinzunehmen.
Dinge, die einst so selbstverständlich waren – das Erkennen von Gesichtern, das Bewundern der Farben der Jahreszeiten, das Beobachten der Welt – all das war nun nicht mehr möglich. Ihre Welt beruhte sich nun auf den Raum, den sie mit ihren Händen erfühlen konnte und die Geräusche, die ihre Ohren hörten.
Es war, als ob das Leben, das sie kannte, auf einen Schlag nicht mehr existierte. Ihre Freunde und Familie versuchten ihr zu helfen, und ihr beizustehen, doch keiner konnte ihre innere Leere füllen, die sie verspürte. Die Dunkelheit schien unendlich, und immer wieder kreisten ihre Gedanken um die Frage, warum ihr dies widerfahren musste.
Eines Tages kam ein Bekannter zu ihr. Er wusste von ihrer Traurigkeit und Verzweiflung und wollte, dass sie sich niemals aufgibt. „Ich treffe mich regelmäßig mit ein paar Freunden zum Singen“ sagte er. „Warum begleitest du mich nicht einmal? Es wird dir sicherlich guttun.“ Das Mädchen war skeptisch, aber tief in ihrem Inneren verspürte sie eine Wärme, wenn sie an Musik dachte. Sie hatte schon immer eine tiefe Liebe zur Musik gehegt, auch wenn sie sie nie als Sängerin ausgelebt hatte. So kam es dazu, dass sie dem Vorschlag zustimmte und ihren Bekannten zu dem Singkreis begleitete.
Als sie das erste Mal den Raum betrat und die Stimmen der anderen hörte, wurde sie von einem Gefühl der Wärme durchflutet. Die Musik schien sie zu umarmen. Es war, als ob die Klänge sie von der Dunkelheit befreien wollten und ihr eine neue Art von Licht schenkten. Die Worte und Melodien, die sich in der Luft verteilten, berührten ihr Herz. Zum ersten Mal seit langem fühlte sie sich wieder so richtig lebendig.
In den kommenden Wochen und Monaten kehrte sie immer wieder zu den Proben im Singkreis zurück und genoss jede einzelne von ihnen. Kurz vor dem Beginn der Adventszeit kam der Pfarrer der Gemeinde auf die Singgruppe zu. Er hatte schon seit längerem mitbekommen, dass die Freundesgruppe intern wundervolle Lieder sang und schlug ihnen vor, ein kleines Weihnachtskonzert in der Kirche zu veranstalten, um auch die Gemeinde mit Freude und Licht zu erfüllen. Dieser Vorschlag fand Anklang, und schon bald präsentierten sich die singenden Freunde das erste Mal in der Öffentlichkeit.
Das Konzert war ein voller Erfolg. Die Gemeinde war begeistert von der Musik und dem Gemeinschaftsgefühl, dass das Singen mit sich brachte. In den Herzen einiger Zuhörer entstand der Wunsch, nun regelmäßig zusammenzukommen, um weiterhin miteinander singen zu können. Eine erste Probe wurde organisiert, und zu diesem Treffen kamen mehr als 30 Menschen, die die gleiche Leidenschaft für Musik teilten – darunter auch das blinde Mädchen, das zurück zu der Liebe der Musik finden durfte. Bis zu ihrem Tod sang das Mädchen, das sich zu einer herzlichen Frau entwickelte, im Asbacher Kirchenchor. Die Musik verband sie mit den anderen, gab ihr einen festen Platz in der Gemeinschaft und ein Gefühl der Zugehörigkeit, das sie so lange vermisst hatte.
Und so war unser evangelischer Kirchenchor Asbach 1924 unter der Leitung von Chorleiter Ludwig Kimmel geboren. Denn er war es gewesen, der das kleine Mädchen mit in seinen Singkreis und schließlich auch mit in seinen Chor genommen hatte.
(Vera Kimmel)